Ein paar Kennzahlen, ein bisschen Orientierung. Wenn Lazare Yombi über den Ananassektor in Benin spricht, scheint er aus einem Meer von Erfahrungen und Wissen zu schöpfen: «Der Ananassektor trägt rund 1.2 Prozent zum beninischen Bruttoinlandprodukt bei. Geerntet werden jährlich fast eine halbe Million Tonnen, nur Nigeria, Angola und Ghana produzieren mehr. Die Fläche der Ananasfelder entspricht fast 70 Quadratkilometern – oder 10'000 Fussballfeldern», sagt der Direktor der Programmkoordination von Togo und Benin. Seit Jahrzehnten ist Lazare Yombi in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, viele davon in enger Zusammenarbeit mit Brücke Le Pont. Seine Kompetenz: ein Geschenk.

Lazare Yombi weiss viel. Etwa, dass die Ananas bei Temperaturen zwischen 22 und 24 Grad Celsius gedeiht. Er weiss, dass sie dafür eine Luftfeuchtigkeit zwischen 65 und 95 Prozent benötigt. Dass sie nach der Ernte schnell verfault, wenn sie im falschen Moment oder zu viel gedüngt wird. Er weiss natürlich auch, dass die beninische Ananassorte «pain de sucre», also «Zuckerbrot», heisst. Und dass dieses «Zuckerbrot» in Benin IGP-zertifiziert ist, ein internationales Label, welches den Export erleichtert, und dass die beninische Regierung den Ananassektor aktiv fördert.

Vor allem aber weiss Lazare Yombi, wie wichtig die Arbeit auf den Feldern ist für eine gute Ananasqualität und was es für faire Arbeitsbedingungen dort braucht. Und dass dieses Wissen übertragbar ist: In andere Sektoren, zugunsten weiterer Menschen, unter Berücksichtigung des jeweiligen lokalen Kontexts.

Eine Nische gefunden

Brücke Le Pont unterstützt die Partnerorganisationen vor Ort dabei, die Arbeitsbedingungen von Landarbeiter*innen nachhaltig zu verbessern. Das ist eine Nische, nur wenige internationale NGOs haben Zugang zu dieser oft marginalisierten Gruppe, ganz am Anfang der Wertschöpfungskette, gefunden. Dieser Zugang ist wertvoll, wie Nicole Bolliger, Co-Verantwortliche Westafrika von Brücke Le Pont, betont: «Die Wertschöpfungskette beginnt auf dem Feld. Nicht früher, nicht später.» Jedoch gingen die Arbeiter*innen oft vergessen.

Wissen, Erfahrung, Zugang. So können Projekte erfolgreich vorangetrieben werden. In Benin tut dies die Partnerorganisation «Association pour les initiatives de développement » (APID) im Ananassektor, im togo- lesischen Kochbananensektor die lokale NGO «Mouvement Alliance Paysanne du Togo» (MAPTO). Dass die Projekte funktionieren, beweist eine aktuelle Kapitalisierungsstudie (siehe Box). Die Resultate zeigen unter anderem: Die angewandten Modelle sind replizierbar. Heisst: Die Methoden können in andere Branchen übertragen werden. Genannt werden unter anderem die Sektoren Reis, Gemüseanbau, Soja, Cashew – und Baumwolle, der Bereich, in den das Wissen von Brücke Le Pont und ihren lokalen Partnerorganisationen nun Eingang finden soll.

Landarbeit sektorübergreifend verstehen

Wie der Ananassektor ist auch der Baumwollbereich ein Schlüsselfeld in der beninischen Wirtschaft. Nicole Bolliger sagt: «Gerade in Nordbenin wird viel Baumwolle angepflanzt, im Süden des Landes wird sie vor allem verarbeitet – zu Faden, Stoff und Kleidungsstücken, ‘made in Benin’, vom Samenhaar der Baumwollpflanze bis zum fertigen T-Shirt.» Es gäbe sogar einen Industriepark. Rund 200'000 Farmen gibt es landesweit in diesem Sektor, etwa zwei Millionen Menschen und somit 10 Prozent der beninischen Bevölkerung ziehen ihre Einkommen daraus. Dies schreibt die Better Cotton Initiative in Benin (BCI), welche eng mit dem Staat zusammenarbeitet. Die Initiative stellt auch eine Zertifizierung der Betriebe, welche Arbeitsrechte und Umweltstandards achten, in Aussicht. Der Zertifizierungsprozess solle helfen, die Wertschöpfungskette zu professionalisieren, sagt Nicole Bolliger.

09 Lazare und BCI 09 Lazare und BCI

Lazare Yombi (rechts) spricht im Rahmen eines Panels der Better Cotton Initiative über die Gemeinsamkeiten der Landarbeit in den Sektoren Ananas, Kochbananen und Baumwolle.

Natürlich sind die Sektoren Kochbananen – hier erreicht Brücke Le Pont zusammen mit MAPTO, der bedeutendsten landwirtschaftlichen Gewerkschaft im Land, jährlich Tausende Menschen – Ananas und Baumwolle unterschiedlich. Beim Transfer von Wissen und Erfahrung ist deshalb vor allem nötig, die Gemeinsamkeiten herauszuschälen. Genau hier kommt die Nische von Brücke Le Pont zum Zug: Der Zugang zu den Landarbeiter*innen. Dass diese in so vielen Fällen vergessen gehen, sei eine starke Parallele zum Baumwollsektor, sagt Lazare Yombi. Denn das Zertifikat der BCI erhalten die Produzent*innen nur, wenn sie arbeitsrechtliche Vorschriften einhalten – ein neues Kriterium. Und das ist nur möglich, wenn die Landarbeiter*innen im Produktionsprozess mitgedacht werden, ihre Bedürfnisse gekannt werden und sie diese vor allem auch selbst einbringen können.

Wachsen in einem anspruchsvollen Umfeld

Der Austausch zwischen den Sektoren ist bereits angelaufen. Im vergangenen Jahr hat APID Baumwollproduzent*innen und die BCI im Norden Benins weitergebildet – also genau dort, wo es die meisten Landarbeiter*innen im Sektor gibt, wo die Wertschöpfungskette beginnt. In diesem Frühling war Lazare Yombi zusammen mit APID auf einem Panel, bei dem der Wissenstransfer vertieft wurde. Das Fundament für die Verbesserung der Arbeitsbedingung von Hundertausenden Menschen ist gelegt.

Kochbananen, Ananas, Baumwolle. In der Entwicklungszusammenarbeit zu wachsen, ist in der derzeitigen Konstellation anspruchsvoll. Zu eng werden die finanziellen Korsette in den staatlichen Finanzhaushalten geschnürt, zu gross ist die Kapitalflucht von den ärmsten Ländern in die reichen Industrienationen, zu einschneidend der Rückzug der reichen Industrienationen aus den Ländern der ‘Global Majority’ – in den Ländern des Globalen Südens leben über 85 Prozent der Weltbevölkerung. In diesem Umfeld relevant zu bleiben, setzt voraus, den lokalen Kontext zu kennen und auf einen grossen Erfahrungsschatz setzen zu können.

Einen Erfahrungsschatz, den man bei Lazare Yombi wiederfindet. Denn so wichtig der Wissenstransfer zwischen den Bereichen ist: Entscheidend ist, dass die Ideen dem lokalen Kontext angepasst werden. Nur so erreicht man die besten Resultate für jene Menschen, welche bei der Arbeit von Brücke Le Pont im Mittelpunkt stehen: die Projektteilnehmer*innen. Lazare Yombi betont: «Sie müssen im Zentrum stehen.»