Versuchen Sie sich vorzustellen, in Togo in Armut zu leben. Ihnen fehlt Geld für Essen und Kleider, Sie sehen keinen Ausweg aus ihrer Lebenslage. In dieser verletzlichen Situation erzählt Ihnen ein Nachbar von einem Jobangebot, auf einer Farm in Nigeria zu arbeiten. Sie verkaufen all Ihr Hab und Gut, um die Fahrt dorthin zu finanzieren. Eingezwängt in einen Minibus und ohne zu wissen, dass die gemachten Versprechen in Wahrheit Lügen sind, bringt der Fahrer Sie und andere Interessierte in einer rund zehnstündigen Fahrt über zwei Landesgrenzen über Benin nach Nigeria. Wo genau Sie gelandet sind, verrät man Ihnen nicht. Angekommen, müssen Sie sofort anfangen, auf dem Feld zu arbeiten. Sie werden in der Nacht um 4 Uhr geweckt, müssen raus auf das Feld, arbeiten ohne Schutzkleidung, bis die sengende Mittagssonne über Ihrem Kopf steht.

Dann erhalten Sie erstmals etwas zu essen. Sie sind derart erschöpft, dass Sie die Mahlzeit zu sich nehmen, auch wenn Sie wissen, dass Sie davon krank werden. Anschliessend arbeiten Sie weiter. Sie hören auch dann nicht damit auf, wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet und der Mond am Himmel erscheint.

Das wiederholen Sie am nächsten Tag. Den Tag darauf. Die nächste Woche. Die nächsten Monate. Das nächste Jahr. Einen Lohn erhalten Sie nicht. Flüchten können Sie nicht, denn Sie wissen nicht, auf welcher abgelegenen Farm Sie sind, sprechen die dortige Sprache nicht, werden teilweise unter Drogen gesetzt. Sie haben kein Geld. Und Sie kennen niemanden.

Das, liebe Leser*innen, nennt sich moderne Sklaverei. Und dagegen kämpft Brücke Le Pont mit ihren Partnerorganisationen vor Ort an.

Wiedereingliederung traumatisierter Menschen

Moderne Sklaverei gehört nicht der Vergangenheit an. Die neusten Zahlen der International Labour Organization (ILO) und der Menschenrechtsorganisation «Walk Free» zeigen, dass weltweit fast 50 Millionen Menschen unter solchen sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten. «Walk Free» stellt dabei einen bemerkenswerten Datenschatz zur Verfügung. Daraus geht hervor: Einem hohen Risiko, Opfer von moderner Sklaverei zu werden, sind vor allem Menschen aus Subsahara-Afrika ausgesetzt.

Dieser Anfälligkeit für Ausbeutung sind wir uns bei Brücke Le Pont bewusst. Denn wir sprechen mit den Menschen und hören ihren Geschichten zu. Geschichten, wie oben beschrieben. Solche wurden mir während meiner Programmreise im vergangenen Oktober in Togo nicht nur einmal erzählt. Denn das Projekt Kara, welches wir während Jahren zusammen mit der togolesischen NGO Parrains Tiers-Monde (PTM) in der gleichnamigen Region Kara in Zentraltogo durchgeführt haben, integriert heute Opfer von moderner Sklaverei wieder in den Arbeitsmarkt und gibt ihnen eine Perspektive.

«Es ist eindrücklich, wie stark die Arbeit von PTM in der Region verankert ist und weitere Wellen schlägt. Wellen, die unerwartete Erfolge ermöglichen.»

Dabei ist viel Fingerspitzengefühl gefragt, denn diese Menschen haben traumatisierende Erfahrungen gemacht. Eine beispielhafte Geschichte, der wir zugehört haben, handelt von einem Mann, welcher monatelang unter Bedingungen der modernen Sklaverei arbeiten musste. Er hat ein ganzes Jahr keinen Lohn erhalten. «Ich wurde immer vertröstet: «Morgen», hiess es jeweils von den Plantagenbesitzern, wenn ich nach meinem Lohn fragte», so der Mann. Schliesslich habe er ein Fahrrad erhalten. Als Lohn. Für ein Jahr Arbeit in moderner Sklaverei. Damit sei er über Benin zurück nach Togo gefahren. Und hat dort PTM und das Projekt Kara von Brücke Le Pont kennengelernt.

Haus und Familie

Heute hat der Mann wieder Hoffnung geschöpft. Er schloss sich einer Kooperative von Arbeiter*innen an, die landwirtschaftliche Dienstleistungen wie Pflügen, Aussäen oder Ernten anbieten. Die Kooperativen entstanden aus einer von PTM lancierten Initiative, welche für faire Arbeitsbedingungen in der Landarbeit einsteht. Als neues Mitglied einer dieser Kooperativen verdient er nun einen fairen Lohn, hat seine Kompetenzen verbessert und arbeitet unter besseren Bedingungen.

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Faire Arbeit ist gleichbedeutend mit der Ermöglichung von guten Perspektiven für die Familie.

Die Arbeitgeber*innen halten sich an vertraglich festgelegte Richtpreise, welche ihm ermöglicht haben, ein Haus zu bauen. Er hat geheiratet und ist Vater geworden – ein gutes Zeichen, nicht nur wegen des Kinderglücks, sondern auch weil es zeigt, dass sein Einkommen reicht, um für eine Familie zu sorgen. Er sagt, die Kooperative biete den jungen Menschen in seinem Dorf eine Alternative zur Abwanderung, welche in so vielen Fällen in moderner Sklaverei mündet.

Unerwartete Erfolge

Mit PTM hat Brücke Le Pont während vieler Jahre zusammengearbeitet. Dieser Zusammenarbeit haben wir vor einigen Monaten ein Bulletin gewidmet. Die Ziele des Projekts haben wir einvernehmlich als erreicht erklärt. Das Projekt liegt nun in den Händen der Akteur*innen vor Ort, es liegt an ihnen, die gemeinsam initiierten Veränderungen weiterzuführen. Letztlich verfolgt Brücke Le Pont einen Ansatz, der keine Abhängigkeiten schafft, sondern der nachhaltigen Wirkung verpflichtet ist. Und das bedeutet, dass ein Projekt auch ohne Brücke Le Pont weiterwirken muss.

So ist es umso eindrücklicher, zu sehen, wie stark die Arbeit von PTM nach wie vor in der Region verankert ist und weitere Wellen schlägt. Wellen, die unerwartete Erfolge ermöglichen. Denn eigentlich war das Projekt so aufgestellt, dass die Arbeitsbedingungen in der Landarbeit verbessert werden, damit der Mangel an Arbeiter*innen behoben werden kann. Auch sollte ein Arbeitsmarkt geschaffen werden, der vor allem jungen Menschen offensteht. Dass die Initiative heute nicht nur das, sondern auch der Kampf gegen moderne Sklaverei beinhaltet, ist deshalb sehr beeindruckend.

Das gibt Zuversicht, in anderen Projekten ebenso nachhaltige Strukturen zu schaffen. Und damit Angebote für Menschen fern von moderner Sklaverei, im Rahmen von fairen Arbeitsbedingungen.