Hundertausende Menschen aus El Salvador und Honduras leben und arbeiten in den USA. Einen Grossteil ihres Lohns schicken sie zurück zu ihren Familien in Zentralamerika. So lindern sie die Armut in ihren Herkunftsländern. Denn diese Geldflüsse tragen merklich zum Bruttoinlandprodukt der beiden Länder bei. 2023 war der Anteil in El Salvador und Honduras jeweils über 20 Prozent. In anderen zentralamerikanischen Ländern sieht es ähnlich aus.

Dass im Jahr 2025 bereits Hunderte von Abschiebungsflügen aus den USA gelandet sind, ist für die Region katastrophal. Denn die offiziellen Zahlen spiegeln nicht das menschliche Drama wider, das hinter jeder Zwangsrückführung steckt: Mütter, die von ihren Kindern getrennt werden; Menschen, die ohne Netzwerk, ohne Wohnung und ohne Arbeit ankommen; die Entwurzelung, welche zur Norm wird. In Mittelamerika, und ganz besonders in El Salvador, wo wir zusammen mit Brücke Le Pont für faire Arbeitsbedingungen im Textilsektor einstehen, setzt die Abschiebepolitik der USA die ohnehin schon unzureichenden Sozialschutzsysteme unter Druck und verschlimmert die prekären Arbeitsverhältnisse.

Jeder Dollar zählt

Überweisungen aus dem Ausland sind für Millionen von zentralamerikanischen Familien die Lebensader. Wenn sie durch eine Abschiebung von einem Tag auf den anderen unterbrochen werden, sind der Grundbedarf, die Miete, Medikamente, die Schulpräsenz von Kindern und generell der Unterhalt der Haushalte gefährdet. In El Salvador ist dies besonders deutlich zu spüren, doch auch in den übrigen Ländern Mittelamerikas wiederholen sich diese Muster, insbesondere in ländlichen und stadtnahen Gebieten, in denen die lokale Wirtschaft von jedem Dollar abhängt, der aus den Vereinigten Staaten geschickt wird.

«Überweisungen aus den USA sind für Millionen von zentralamerikanischen Familien die Lebensader.»

Dabei haben sich die Familien diese Abhängigkeit nicht ausgesucht. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger sozialer und demokratischer Krisen, neokolonialer Ausbeutung, Agrarkrisen, Umweltzerstörung und extremer Wetterereignisse, Gewalt, unzureichender Lebensgrundlagen und des Mangels an fairen formellen Arbeitsplätzen. Hinzu kommen globale Schockmomente: Kriege und Konflikte, die die Lebensmittel und Energiepreise in die Höhe treiben, Unterbrechungen in den Lieferketten, anhaltende Inflation, hohe Zinssätze und die noch immer sichtbaren Auswirkungen der Pandemie – all das verteuert das Leben und verbaut Perspektiven.

Doppelte Belastung für Frauen

In ländlichen und städtischen Gemeinden haben die Überweisungen aus den USA kleine Unternehmen, Bildungsprojekte, den Zugang zu Gesundheitsversorgung und Wohnraum gestützt. So destabilisiert die US-Abschiebepolitik die lokale Wirtschaft und schwächt das soziale Gefüge. Frauen, die in der Regel Empfängerinnen und Verwalterinnen dieser Gelder sind, stehen dabei vor einer doppelten Belastung: Sie müssen ihre Familien ernähren und gleichzeitig dem Zerfall ihrer sozialen Netzwerke standhalten. Der Rückgang der wirtschaftlichen Unabhängigkeit führt so zu einem höheren Risiko, Arbeit unter missbräuchlichen Bedingungen anzunehmen.

13 Maquila

Zusammen mit Ormusa steht Brücke Le Pont für die Arbeitsrechte im Textilsektor ein. Im Bild: Eine verlassene Textilfabrik in Honduras.

Derweil finden die aus den USA abgeschobenen Menschen bei ihrer Ankunft nur wenige Wiedereingliederungsprogramme, kaum oder gar keine Anerkennung der im Ausland erworbenen Kompetenzen, Hindernisse beim Zugang zu sozial abgesicherten Arbeitsplätzen und öffentliche Dienste mit begrenzten Kapazitäten vor. Ohnehin ist es irreführend, von «Wiedereingliederung» zu sprechen. Viele Zentralamerikaner: innen sind gerade deshalb migriert, weil sie in ihren Herkunftsländern nie eine echte Garantie für faire Arbeit hatten. Dabei verschärft das Fehlen öffentlicher Massnahmen zur sozioökonomischen Integration das Problem, denn die zentralamerikanischen Staaten verfügen über keine umfassenden Mechanismen, um die abgeschobenen Menschen aufzunehmen, zu begleiten und zu integrieren.

Dabei droht besonders den Menschen aus den Gebieten, welche am stärksten von den Überweisungen abhängig sind, das Abrutschen in illegale Wirtschaftszweige. Wenn das stabile Einkommen wegfällt, wächst die Anfälligkeit für den Zwang durch Banden und kriminelle Netzwerke, sich an illegalen Aktivitäten wie Erpressung, Kleindealerei, Warentransport, Überwachung sowie Zwangsarbeit und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung zu beteiligen. Auch die Binnenvertreibung aufgrund von Drohungen nimmt zu, was die Gemeinschaften weiter fragmentiert und jegliche Lebensplanung erschwert. So destabilisieren die Massenabschiebungen ganze Gemeinschaften.

Migration ist kein Verbrechen

Die Abschiebepolitik der Vereinigten Staaten ist kein Einzelfall, sondern Teil einer globalen Architektur der Ausgrenzung. In Zentralamerika leisten wir Widerstand und organisieren uns in feministischen Solidaritätsnetzwerken. Doch wir brauchen die internationale Gemeinschaft, damit sie unsere Stimmen hört, unsere Kämpfe versteht und sich mit denen solidarisch zeigt, die unter den härtesten Folgen von Entscheidungen leiden, die weit entfernt von unseren Grenzen getroffen werden.

Massendeportationen führen heute zu Verarmung und morgen zu einer Hypothek für die Zukunft. Wenn die Vereinigten Staaten eine stabile Region wollen, müssen sie die Politik der Bestrafung aufgeben. Wenn Zentralamerika eine Zukunft will, muss es die Notlage in faire Arbeit, Pflege, soziale Absicherung und effektive Wiedereingliederung umwandeln. In El Salvador wissen wir, dass Familien, wenn diese Teile zusammenpassen, die Schulbildung ihrer Kinder aufrechterhalten, ihre Gesundheit verbessern und bessere Arbeitsbedingungen aushandeln können. Das ist das Ziel, das es wert ist, angestrebt zu werden: eine Zukunft, in der niemand auf die Strasse gesetzt wird und in der die Rückkehr nicht bedeutet, bei Null anzufangen, sondern ein Leben in Würde wiederaufzunehmen.

Migration lässt sich nicht mit Mauern, Flügen und Verhaftungen lösen, sondern mit einer Politik, die das Leben und nicht die Angst in den Mittelpunkt stellt. Vor allem aber ist Migration kein Verbrechen, und die Rückkehr sollte keine Strafe sein.