Die 79-jährige Nicola Bucher hat sich schon immer für die Gleichberechtigung in allen Bereichen der Gesellschaft eingesetzt. Kaum abgesessen im Café Riedsunnä in Stansstad, der Wahlheimat der gebürtigen Freiburgerin, wird das Gespräch sogleich politisch. Das hängt auch mit dem Ort zusammen, den die ehemalige Nidwaldner Landrätin für das Treffen ausgesucht hat: «Die Alterswohnungen hier in der Riedsunnä gehen auf das Wirken der KAB Stansstad zurück», sagt sie.

Nicola Bucher, gelernte Operationsschwester, arbeitete nach der Heirat als Einsatzleiterin und Praktikumsbegleiterin bei der Familienhilfe Stansstad und war beim Aufbau der Spitex Nidwalden mitbeteiligt. Nebst der Familie mit drei Kindern und Beruf war sie elf Jahre im Landrat im Kanton Nidwalden. Dabei hat sie gegen so manchen Gegenwind gekämpft. «Wer politisch etwas erreichen will, braucht einen breiten Rücken», sagt sie.

Eine prägende Erfahrung in Westafrika

Dazu gehört auch die eigene Bereitschaft, vielleicht die Früchte der eigenen Arbeit nie ernten zu können. Diese Erfahrung kennt Nicola Bucher. Denn eigentlich wollte sie als Kind Lokomotivfahrerin werden. Damals war das als Frau in einem Land, das das Stimm- und Wahlrecht für alle Geschlechter längst nicht in allen Kantonen eingeführt hatte, unmöglich. Landwirtin oder Krankenschwester waren weitere Optionen. Sicher wollte sie nach Afrika. Dieser Wunsch wurde erfüllt, mit einer Reise, die von Brücke Le Pont in den 90er Jahren organisiert wurde.

Bei der Reise durch Togo und Benin bekam Nicola Bucher ein klareres Gespür über die globale Ungleichheit. Sie, welche Missstände als etwas beschreibt, «das aus der Welt geschafft gehört», hatte damals erfahren, wie nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit wirkt. «Ich nannte es ‘Hilfe zur Selbsthilfe’», sagt sie. Heute verfolgt Brücke Le Pont den Ansatz «locally led action» oder Lokalisierung. Es ist die Schaffung von nachhaltigen Strukturen, die bleiben. «Schon damals merkte ich, dass die Projektteilnehmer*innen von Brücke Le Pont und ihren Partnerorganisationen vor Ort nicht einfach die hohle Hand machen, sondern in einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe selbstwirksam ihr Leben verbessern wollen.»

«Wir müssen uns verbünden»

Die Erfahrungen rund um die Projekte von Brücke Le Pont sind Nicola Bucher stark in Erinnerung geblieben. So hatte ein Projekt beispielsweise zum Ziel, die Haltbarkeit von weissem Mais zu verlängern. «Die Menschen haben die Maiskörner 24 Stunden in Wasser eingelegt, dann durch ein Sieb zu Brei gepresst, und in einem grossen Topf gekocht, anschliessend in Palmblätter eingewickelt und als Fertigmahlzeit an die Lastwagenfahrer verkauft, die einen langen Weg in den nördlichen Teil des Landes vor sich hatten», erinnert sie sich. So hätten die Projektteilnehmer*innen nicht mehr «von der Hand in den Mund» leben müssen, sondern sich die Möglichkeit geschaffen, zu sparen und mit dem Geld die eigene Familie zu versorgen.

Insbesondere etwas ist Nicola Bucher während ihrer Reise aufgefallen: die prägende Rolle, welche Frauen trotz patriarchaler Gesellschaft immer wieder eingenommen haben. «Die Frauen waren Vorbilder, füreinander und für die Gesellschaft», sagt Nicola Bucher. Während vieler Jahre im Frauenrat der KAB vertrat sie die Schweiz im KAB Frauennetzwerk Europa, in dem vor allem europäische sozialpolitische Frauenthemen bearbeitet wurden.

Die Enkelin hütet die Spenden

Nicola Bucher engagiert sich im Rahmen des Aktionsrat freiwillig für Brücke Le Pont. Diese Arbeit ist von unschätzbarem Wert. «Wir telefonieren mit Pfarreien, organisieren Gottesdienste, die sich der Arbeit von Brücke Le Pont widmen, und verkaufen Produkte von Brücke Le Pont, vor allem Honig im Herbst am Gemüsemarkt», erklärt sie. Das mache sie mit «Leib und Seele». Mit Hilfe ihrer 13-jährigen Enkelin: Diese unterstützt sie seit Jahren am Marktstand in Stans als Kassierin. So hat Nicola Bucher Zeit, Besucher*innen ihres Standes über die Arbeit von Brücke Le Pont und die entwicklungspolitischen Aktualitäten – Sparrunden des Bundes, DEZA-Rückzug aus Lateinamerika – zu informieren. Die Kasse ist dabei gut bewacht.

«Die junge Generation hat eine bemerkenswerte Kraft in sich», sagt Nicola Bucher. Das schenke ihr Hoffnung. «Sie werden die richtigen Entwicklungen anstossen.» Entwicklungen, bei denen Brücke Le Pont eine Rolle spielen müsse. Nicola Bucher ist überzeugt: «Die Ungleichheiten existieren weiterhin. Doch sie gehören aus dieser Welt geschafft. Deshalb wird Brücke Le Pont weiterhin gebraucht.»